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Cercando la luce, das Licht suchend

Naomi Jones

Cercando la luce ist ein Buch, das sich mit einem scheinbar visuellen Phänomen befasst, aber blinden wie sehenden Betrachtern auf den ersten Blick nur einen Teil des Inhalts offenbart.  Denn Sehende brauchen blinde und Blinde brauchen sehende Übersetzer.

Cercando la luce ist ein Kunst- und Buchprojekt von Roberto de Luca, Massimiliano Madonna und Sarah Schmidt. Es setzt sich mit dem Phänomen Licht auseinander, das wir primär mit den Augen wahrzunehmen vermeinen. Aber Licht ist viel mehr, als ein visuelles Phänomen. Man kann es fühlen, es hat einen Geschmack und Bedeutung. Licht ist auch Klang und Körper.

Um den verschiedenen Facetten des Lichts auf die Spur zu kommen, haben die Herausgeber einerseits blinde und sehbehinderte Menschen gebeten, Lichtphänomene mit der Fotokamera darzustellen. Andererseits haben sie Sehende beauftragt, Licht zu beschreiben, ohne auf seinen visuellen Aspekt einzugehen. Was ist Licht, wenn wir es nicht sehen? Und wie kann man Licht in einem Bild darstellen, das nicht als visuelles Bild geplant war?

Entstanden ist ein interessantes und sehr ästhetisches Buch, das nicht allein visuell, sondern auf verschiedenen Ebenen ästhetisch ist. Die Texte sind in Braille gedruckt. Sehenden sind sie somit nicht ohne die Hilfe von Blinden zugänglich. Blinde können die Texte lesen, aber die Bilder nicht ohne die Beschreibung von Sehenden wahrnehmen.

Das Buch behandelt Blinde und Sehende gleichberechtigt. Beiden offenbart es sich ganz nur mit der Hilfe des andern. Sehen, Fühlen, Sprechen und Hören stehen sich als gleichberechtigte Sinne gegenüber. Das Buch kann nur unter Einsatz aller Sinne ganz wahrgenommen werden.

Die Fotos der blinden Fotografen haben eine starke Symbolkraft. Sie sprengen die gewohnte Formsprache der Fotografie und entwickeln gerade in ihrer Präsenz und Ausdruckskraft eine grosse visuelle Schönheit. Da ist zum Beispiel das Bild, das aus einem Glockenturm heraus fotografiert worden ist. Es ist dominiert vom dunklen Raum, der dem Bild einen breiten schwarzen Rahmen verpasst. In der Mitte des Bildes ist die Öffnung des Turmes, weiss. Darin erkennt man die Glocke als Schattenriss. Das lichte Weiss, formt im Kontrast die schwarze Glocke. Licht macht Körper.

Ein anderes Bild fängt einen roten Lichtreflex ein, der durch ein Fenster dringt. Das Zimmer ist warm erleuchtet. Der Reflex bildet zwei Kreise, die mitten im Zimmer schweben. Da die Kamera schräg gehalten wurde, ist das Fenster angeschnitten und die Linien sind schräg, was dem Bild eine ganz besondere Dynamik verleiht. Die Linien, die nach rechts oben ziehen, bilden von der Form her einen Strahl. Der eigentliche Lichtstrahl hingegen, die Reflektion, ist weich und rund. So werden die Fotos zu Chiffren, die sich nicht dechiffrieren lassen, aber den Betrachter unmittelbar und stark berühren. Sie strahlen eine unglaubliche Kraft aus.

Die Texte zum Phänomen Licht, auch sie nur schon durch ihren Klang ein ästhetisches Erlebnis, sind verfasst von zwei Philosophinnen, einem Physiker, einem Kunst-, einer Literatur- und einer Musikwissenschafterin sowie einer Tänzerin. Sie untersuchen Licht in seiner kulturellen Bedeutung, als physikalisches Phänomen und im Bezug auf Körper und Klang. Die Philosophin Judith Kaspar etwa schreibt von der Profanisierung des Lichts durch die Erfindung des künstlichen Lichts. Natürliches Licht gibt unserer Welt den Rhythmus von Tag und Nacht, von Wachen und Schlafen, es macht die Zeit. Künstliches Licht aber hebt die Zeit auf. Es simuliert ewigen Tag in Räumen, in denen ohne das künstliche Licht ewige Nacht herrschen würde. Und so zerstört das künstliche Licht die ursprünglich durch das natürliche Licht geschaffene Berührung zum göttlichen Rhythmus. Am Anfang war das Wort. Und Gott sprach: Es werde Licht. Am Anfang des Buches stand das Licht, ohne das Wort aber bleibt das Buch dunkel.

Der SBV hat das Projekt seit seinem Start vor rund zwei Jahren unterstützt. Es endet nun im Geburtsjahr Louis Brailles. Das Buch kostet Fr. 48.- und kann unter der Nummer 031 312 35 01 in der Galerie Krethlow in Bern bestellt werden.


Persönlich
Buch "Cercando la luce"  15. Aug 2008
Buch "Ars Munda"  17. Jun 2005

Allgemein
Projekt "Cercando la Luce"  10. Oct 2005
Alle Links eingetragen  22. Feb 2005

Ausstellungen
fama_fame Solothurn  15. Aug 2008
Fama - Fame  13. Sep 2006
Ausstellung / Esposizione FAMA / FAME  21. Aug 2006
Das Ding mit dem Tod  21. Aug 2006


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